Die jungen  Wilden


Foto: Stephanie Kreuzer

Die jungen Wilden - Von Stephanie Kreuzer
Garmisch-Partenkirchen hat zwei Stadtteile – und zeigt viele Gesichter - „Entdecke Deine wahre Natur, 365 Tage im Jahr“

... so der Slogan von Garmisch-Partenkirchen, der Vielschichtigkeit verspricht. Die altbewährten Traditionen sind der eine Aspekt, was allerdings nicht nur etwas mit Trachten oder Dialekt zu tun hat. Der Zusammenhalt und das Heimatgefühl sind wohl entscheidender. Ist es doch für Einheimische noch bedeutsam, ob sie in Garmisch oder in Partenkirchen leben. Während es Touristen gar nicht wirklich auffällt, wo die Trennlinie verläuft, ist das für manch Alteingesessenen äußerst wichtig. Immerhin wird aber Rücksicht auf all diejenigen genommen, die das nicht mehr so eng sehen – so finden Volksfeste in den beiden Stadtteilen nicht gleichzeitig, sondern nacheinander statt.
Doch Garmisch-Partenkirchen kann auch anders, nämlich jung, frisch, modern und unkonventionell. Zwar hat man das Gefühl, dass die Uhren hier langsamer ticken, denn keiner wirkt gestresst oder gehetzt, aber der Kreativität und der Schaffenskraft tut das keinen Abbruch, ganz im Gegenteil, wie es scheint. Gerade die Jüngeren sorgen für einen wohltuenden Schub, und viele Handwerke werden gepflegt, weitergetragen und –entwickelt. Seit diesem Sommer arbeitet der Verein „Partenkirchen erleben“ daher verstärkt daran, gerade diesem Stadtteil ein wenig auf die Sprünge zu helfen, sind doch die meisten Besucher derzeit auf Garmisch und die dortige Fußgängerzone fixiert. Die historische Ludwigstraße lässt Bräuche spürbar werden und wiederaufleben. Prächtige Lüftlmalereien an den Hausfassaden erzählen Geschichten über ihre Bewohner, die Region und ihre Brauchtümer, die jeder auch ohne Fremdenführer versteht.

Alles Handarbeit
In der Ludwigstraße sowie Umgebung sind zahlreiche – traditionelle wie moderne – Handwerksbetriebe angesiedelt, und rund 40 davon gehören nun zu dem gemeinsamen Vermarktungsprojekt „Lebendige Werkstatt Partenkirchen“. Viele von ihnen bieten ganzjährig ihren Kunden die Möglichkeit, zu bestimmten Terminen hinter die Kulissen oder über die Schulter zu schauen oder sich selbst kreativ zu betätigen und etwas herzustellen. So werden die teilnehmenden Betriebe zu Erlebniswerkstätten, die einen Einblick in die Handwerkskunst der Region geben. Das Spektrum ist dabei weit gefächert: Bei „Build2Ride“ kann man in einem Wochenendseminar seine eigenen Skier bauen. Jedes Exemplar ist ein einzigartiges und voll funktionsfähiges Sportgerät, individualisiert dank eigenem Design, Logo oder Fotodruck. Mit Holz hat auch der Geigenbauer Markus Grill zu tun, nur geht es bei ihm deutlich kleinteiliger zu. Hier stapeln sich sowohl die fertigen Geigen – selbst gebaut oder repariert und auf Käufer wartend – wie auch das Ausgangsmaterial oder Einzelteile. Faszinierend gerade die Exemplare, die bis zu 40.000 Euro wert, oder als 1/8-Geigen für den Nachwuchs bestimmt sind.
Die „Seifensieder“ wiederum widmen sich Luxusseifen, die sie aus exklusiven Rohstoffen und streng zertifiziert herstellen. Auch Allergiker und sogar Hunde und Pferde finden hier das passende Produkt für eine empfindliche Haut – oder gegen Mücken. Die „Badepralinen“ sehen zwar lecker aus, sind aber ausschließlich zum Auflösen im Badewasser gedacht. Ganz im Gegensatz zu den „echten“ Pralinen, die es in der Chocolaterie Amelie gibt. Der liebevoll ausgestattete Laden der Familie Kässer ist ein Traum für Schokoladenfans, so viele köstliche und variantenreiche Kakaoprodukte gibt es hier: über 50 Sorten hausgemachter Schokoladenbruch, 30 Sorten handgeschöpfte Tafelschokoladen und mehr als 50 Sorten Pralinen. Die Besonderheit ist beispielsweise die Einbindung von regionalen Produkten wie speziellen Kräutern. Als Hommage an Garmisch-Partenkirchen wurde die Gapalade sowie Gapaline erschaffen: feinste Schokolade und Pralinen, verfeinert mit Alpenkräutern. Dank der gläsernen Manufaktur können die Kunden und Besucher dem Team bei der Arbeit direkt zuschauen. Und das Beste: In dieses Schlaraffenland darf man auch direkt eintauchen, denn bei Pralinen- oder Schokoladendessertkursen darf jeder seine Patisserie-Fähigkeiten testen. Ideal, um ein Reisemitbringsel selbst zu erschaffen.
Etwas größer und schwerer sind die Kunstwerke des Bildhauers Stefan Ester, der zahlreiche filigran wirkende Holzskulpturen geschaffen hat. Vergängliche Kunst – zumindest zum Teil – ist die Sache von Sani Kneitinger, deren Familie eine Konditorei betreibt. Ihr hat es allerdings das Spiel mit Pinsel und Farben angetan, die sie auf nackte Haut aufbringt und Körper damit in ein Gemälde verwandelt: „Bodypainting“ ist ihr Metier. „Camouflage“ nennt sich die besonders spektakuläre Variante, bei der Personen „getarnt“ werden, also mit ihrer Umgebung quasi verschmelzen. Das zierliche Persönchen strahlt dabei eine solche Begeisterung für ihre Arbeit und die Kunst an sich aus, dass es wohl kaum einen gibt, der sich davon nicht mitreißen lässt.

Brauchtum und Kultur
Definitiv gilt das für Marco Wanke, dem „stärksten Mann der Alpen“ und ebenfalls einer der sogenannten „jungen Wilden“. Bereits 2008 begab er sich auf Rekordpfade und konnte für sich verbuchen, in zehn Tagen 1000 Frauen geküsst zu haben. Sein sportliches Engagement entdeckte der Mittdreißiger schon einige Jahre früher, Ausgangspunkt war eine Wette mit einem Freund. Und da ja Männer wenig besser können als sich im Wettkampf zu messen, wurde natürlich auch das zum Erfolg: Als „Steinheber“ und Kraftsportler hat er es schon zu internationalen Ehren gebracht, seine Trainingsgeräte hat er sich zum großen Teil selber gebaut. Eines ist dem Event-Manager und Moderator allerdings wichtig: Die Tattoos dürfen nur so platziert sein, dass sie nicht zu sehen sind, wenn er Lederhosen trägt! Und noch etwas erstaunt: Obwohl weit gereist und sogar schon in Los Angeles wohnhaft, zog es ihn immer wieder zurück nach Garmisch-Partenkirchen, und hier will er nun nicht mehr weg.
Die berühmtesten Söhne der Stadt – Richard Strauss und Michael Ende – hätten ihm da bestimmt beigepflichtet. Beiden ist jeweils ein Höhepunkt im kulturellen Kalender gegönnt. Im Rahmen des „KULTurSOMMERs“ präsentiert Garmisch-Partenkirchen in bunter Vielfalt Theater, Musik, Bildende Kunst und Kabarett. So erinnert das Richard-Strauss-Festival an den Komponisten, der sich von der grandiosen Bergwelt zu seiner Alpensymphonie inspirieren ließ. Dem Schriftsteller Michael Ende ist eine Dauerausstellung gewidmet, und jeweils eine Woche lang dreht sich alles um sein Werk. Die Freiluftaufführung von Momo beispielsweise ist dann auch ein ganz besonderes Erlebnis.
Um viel frische Luft und Natur kommt sowieso kein Besucher herum, gibt es doch in der Region zahlreiche Wanderwege, Klettersteige, Seen und Berggipfel. Aber es müssen nicht gleich die ambitionierten Touren sein, auch die ruhigeren sportlichen Möglichkeiten haben ihren Reiz. Insbesondere wenn man bei Sonnenaufgang hoch zur Alm pilgert, um Yoga zu machen; ein spezielles Angebot des im Hotel angestellten Yogalehrers. Das Heilklima der Region lässt einen erst recht tief durchatmen, und angesichts dieses Bergpanoramas, mit Blick auf die futuristische Skisprungschanze, fallen solche Übungen wie Hund, Kobra oder Baum nochmal leichter. Im Gras noch der Morgentau, am Himmel die wärmende Sonne – da möchte niemand so schnell wieder seine Matte zusammenrollen und hinab ins Tal.

Gipfelglück
Einmal jährlich ist der „Wank“, einer der Hausberge von Garmisch-Partenkirchen, Schauplatz des – wie es scheint bei allen Generationen – beliebten Open-Air-„Bergfestivals“. Ganze Heerscharen pilgern schon Stunden vorher hinauf, immerhin sind rund 1000 Höhenmeter zu überwinden, und die meisten davon auf steilen, schmalen Pfaden. Wer Picknickdecke, Sonnenzelt und die Verpflegung für gleich einen ganzen Tag dabeihaben will, nimmt besser die Wankbahn. So gelangt man direkt auf das Plateau, das einen 360°-Rundumblick auf die umliegende Bergwelt bietet, der nicht zu Unrecht als „kostenloses Naturkino“ angepriesen wird. Die Musik „made in Bavaria“ lässt sich dann direkt vor der Bühne oder etwas weiter entfernt genießen; eine Veranstaltung, die auch einen anstrengenden Aufstieg wert ist! Aber auch der Abstieg, mit zweieinhalb Stunden veranschlagt, ist ein sportliches Unterfangen, und mit Wanderstöcken ausgestattet, ist man da sehr gut beraten.
Nur für absolute Kletterexperten ist die „Besteigung“ der 2962 Meter hohen Zugspitze zu empfehlen, daher ist die Zahnradbahn oder die Seilbahn die bessere Wahl. Aus der Kabine heraus kann man übrigens prima die Baufortschritte an der neuen Seilbahn verfolgen; im Dezember 2017 soll es mit der Eröffnung soweit sein. Damit werden drei Weltrekorde aufgestellt: eine 127 Meter hohe Pendelbahnstütze, ein Gesamthöhenunterschied von 1945 Metern in einer Sektion sowie ein Spannfeld von insgesamt 3213 Metern! Das Zugspitzplateau selber ist recht übersichtlich, aber der Blick von hier oben ebenfalls beeindruckend. Da erscheint auch der Eibsee, zu Fuße des Berges, wie aus dem Miniaturwunderland. Und aller Ehren wert auch die kniffligen Arbeiten an der neuen Bahn; eine Baustellenführung zeigt die wesentlichen Herausforderungen und Höhepunkte dieses Bauprojekts.

Foto: Stephanie Kreuzer
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Foto: Markt Garmisch-Partenkirchen
Foto: Stephanie Kreuzer
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