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Wasserkuppe – Wohlfühloase in der Rhön

Foto: ©Lothar Schwark

Fliegen.Wandern.Schlemmen

Mitten in Deutschland angesiedelt, trifft man sich auf der Wasserkuppe zum Fliegerurlaub für die ganze Familie. In Zeiten, in denen die Welt sich gefühlt immer schneller dreht, kann man hier das Hamsterrad unseres modernen Lebens zumindest zeitweise stoppen. Die Rhön mit ihrer abwechslungsreichen Landschaft ist eine echte Alternative zu Zielen im Ausland. Neben einem reizvollen Startplatz hoch oben bietet die exponierte Lage auch den erhofften Erholungswert.

Als Geburtsstätte des modernen Segelflugs ist die Wasserkuppe für Segelflieger seit jeher ein Begriff. Nach bescheidenen Anfängen im Jahr 1911, wo Darmstädter Schüler mit einem Doppeldecker gerade 450 Meter Flugstrecke schafften, startete hier nach dem Ersten Weltkrieg 1920 der 1. Rhön-Segelflug-Wettbewerb. Mit dazu bei trug das Verbot des Motorflugs. Um fliegen zu können, hatten sich einige Piloten entschlossen, ohne Motor weiterzumachen. Als prägender Name taucht Rhönvater Oskar Ursinus auf, der es verstand, Gleichgesinnte fürs Segelfliegen zu gewinnen. Mit Startmöglichkeiten bei nahezu allen Windrichtungen bot die Wasserkuppe den Piloten viel Potenzial. Der Segelflug im Flachland steckte da noch in den Kinderschuhen. Überwiegend war Hangflug angesagt. Am 18. August 1922 schaffte Artur Martens mit dem Vampir am Westhang den ersten Stundenflug im reinen Segelflug. Das war seinerzeit eine absolute Sensation, die durch die Weltpresse ging. Mit seinem Streckenflug vor und in einer Gewitterfront über 55 Kilometer belegte Max Kegel mehr durch Zufall, dass es weitere Aufwindformen gibt. Der Durchbruch zum Thermikfliegen gelang Robert Kronfeld mit seinen Flügen im Jahr 1929.
Segelfluggeschichte
Die Blütezeit der legendären Rhönwettbewerbe fand zwischen 1930 und 1939 statt. Im Nachhinein erhielt die „18. Rhön“ (1937) im Jahr 1948 den Status einer Weltmeisterschaft. Somit wurde Heini Dittmar auf Fafnir II erster Weltmeister der Segelfluggeschichte. Ihm gelang dazu 1936 die erste Alpenüberquerung im Segelflugzeug.Piloten hatten zu jener Zeit den Status heutiger Sportgrößen. Zu manchen Rhönwettbewerben erschienen bis zu 25.000 Zuschauer. Namen wie Günther Groenhoff, Wolf Hirth, Gottlob Espenlaub, Ludwig Hoffmann, Wolfgang Späthe, Hanna Reitsch und viele mehr prägten diese Zeit, die dann durch die Umwandlung in das nationalsozialistische Fliegerkorps und Beginn des Zweiten Weltkriegs ein unrühmliches Ende fand. Doch wieder war es in der Rhön, wo nach Ende des Zweiten Weltkriegs Segelfluggeschichte geschrieben wurde. Am 3. August 1950 wurde im Gasthaus Krone Post zu Gersfeld der Deutsche Aero Club gegründet und Wolf Hirth zum ersten Präsident gewählt. Dieses historische Ereignis wurde auf einer Bronze-Gedenktafel festgehalten, die heute noch eine Wand der Krone Post schmückt. Hunderte Segelflieger waren damals nach Gersfeld gekommen. Am 6. August traf man sich zu einer Gedenkstunde beim Fliegerdenkmal auf der Wasserkuppe. Nachdem der Segelflug am 19. Juni 1951 freigegeben wurde, organisierte der Deutsche Aero Club am 25. und 26. August ein internationales Fliegertreffen auf der Wasserkuppe. Rund 50.000 Freunde des Segelflugs verfolgten die Windenstarts.
Wer sich für die Entwicklung des Segelflugs interessiert, ist im Deutschen Segelflugmuseum mit Modellflug auf der Wasserkuppe bestens aufgehoben. Mit eines der Schmuckstücke dort ist die Minimoa (Göppingen Gö 3), das Original des Jahres 1935/36.
Wuchtig der Focke-Wulf Kranich III aus dem Jahr 1952, der für Forschungsflüge ausgerüstet wurde. Konstruktionen wie der Phönix, BS-1, D-36 und die ASW-12 belegen nach dem Einsatz von Faserverbundstoffen den Quantensprung im Segelflug. Auf Bildtafeln werden die Pioniere der Fluggeschichte auf der Wasserkuppe detailliert vorgestellt. Sehenswert ebenfalls ist eine Ausstellung, die die rasante Entwicklung des Modellflugs darstellt. Langeweile kommt so im Segelflugmuseum nicht auf.
Wasserkuppe heute
Platzhalter ist die Gesellschaft zur Förderung des Segelflugs auf der Wasserkuppe. Als Dachorganisation vertritt sie die Interessen aller Rhönflugvereine und betreibt die Fliegerschule Wasserkuppe als wirtschaftlichen Eigenbetrieb. Präsident ist der derzeitige Landrat des Landkreises Fulda, Bernd Woide. Als Vizepräsident fungieren Dr. Manfred Neidert und Roland Wehner. Der Vorstand setzt sich aus Beisitzern und Referenten aller Rhönflugvereine zusammen. Etwa 50 Segelflugzeuge und 15 Motorflugzeuge sind auf der Wasserkuppe beheimatet. Daneben sind Modellflieger und Gleitschirmflieger auf dem Berg zuhause. Der Mix aller Flugsportarten funktioniert hier bestens. Während Gleitschirmflieger beim Radom abheben, sind Modeller zum Beispiel am Weltensegler- oder Pelznerhang unterwegs.
Je nach Schneelage startet die Flugsaison Anfang April. Durch die Fliegerschule Wasserkuppe, die gerne Gäste aufnimmt, sind bei fliegbarem Wetter stets Startmöglichkeiten gegeben. Wer nicht mit dem eigenen Flugzeug anreist, findet ein breites Angebot von Flugzeugen. So verfügt die Schule über vier ASK-21. Ergänzt wird das Ganze durch eine eigenstartfähige ASK-21mi. Ein Duo Discus xT und Duo Discus xLT lassen keine Wünsche offen. Im Einsitzerbereich ist eine ASW-28 und ASG-29E angesiedelt. Seit 2017 verfügt man zudem über einen Discus 2 FES. Mit dem einfach zu handhabenden Elektro-FES-Antrieb erlaubt er Piloten ein ganz neues entspanntes Fluggefühl. Überwiegend wird auf Hessens höchstem Berg im F-Schlepp gestartet. Die Schule verfügt ferner über eine Schleppwinde, die vor allem bei Lehrgängen der Bundeswehr-Offiziersanwärter genutzt wird. Mit mehreren Lehrgängen im Jahr führt die Fliegerschule Wasserkuppe die Soldaten in die Faszination des Segelflugs ein und vermittelt gleichzeitig Gemeinschaftsgeist und soziales Miteinander.
Der Sonderlandeplatz liegt auf 902 Meter MSL und verfügt über eine 670 Meter lange Asphaltbahn in 06/24 Richtung. Gestartet wird in der Regel bergabwärts auf der 06. Landungen der Motorflugzeuge erfolgen auf Asphalt in der Gegenrichtung. Segelflieger begnügen sich auf der 24 mit der Grasbahn (820 m x 30 m). Je nach Windrichtung steht die 15/33 Gras (600 m x 40 m) und 08/26 (500 m x 30 m) am Weltenseglerhang zur Verfügung. Reicht es nicht mehr auf den Berg, bleibt noch die 03 im Goldloch mit 500 m x 70 m Gras. Diese und weitere Notlandewiesen rund um die Wasserkuppe werden beim ausführlichen Briefing vorgestellt.
Hervorragende Infrastruktur
Keine Wünsche lässt das im Juni 2013 eröffnet Flugsportzentrum der Wasserkuppe offen. Piloten können darin optimale Flugvorbereitungs- und Übungsräume nebst Schließfächern und modernen Sanitäranlagen nutzen. Mit einem gründlichen digital gestalteten Briefing bereitet Schulleiter Harald Jörges dort mit seiner Mannschaft Flugschüler wie Gäste auf die Flugtage vor. Als gute Fee wirkt nicht nur am Empfang seine Frau Karin. Im Flugsportzentrum ist auch das Weltensegler-Restaurant angesiedelt. Hier kann man gemütlich Rast machen und durch eine große Fensterfront in aller Ruhe den Flugbetrieb betrachten. Bei passenden Temperaturen lockt die Terrasse im Obergeschoss mit einem gläsernen Windschutz zum Verweilen. Blicke bis zum Thüringer Wald sind je nach Wetterlage möglich, während in der Ferne der 218 Meter hohe Sender des Heidelstein und auch der Sender des Kreuzberges unübersehbar sind.
Mit 950 Meter ist die Wasserkuppe höchste Erhebung Hessens. Ohne die Flieger wäre sie aber wohl nur einer der vielen Berge dort. Über 800.000 Besucher werden übers Jahr gezählt. Viele davon kommen zum Fliegen, doch der Großteil nutzt eher den Vergnügungsteil mit Klettergarten, Sommerrodelbahn und weiteren Freizeitanlagen. Nur wenige Meter hinter den Freizeitanlagen beginnen wunderbare Wanderwege rund um die Kuppe. Wer Wetterglück hat, erlebt vom Radom und Fliegerdenkmal aus einen atemberaubenden Ausblick und spektakuläre Sonnenuntergänge. In der ehemaligen Vulkanlandschaft zieht der Pferdskopf viele Wanderer an. Im Biosphärenreservat lädt die ursprüngliche Landschaft der Hochrhön mit dem roten Moor zu ausgedehnten Wanderungen. So gestaltet sich der Familien-Urlaub abwechslungsreich, auch wenn das Flugwetter nicht mitspielt.
Rund um die Kuppe
Im nahegelegenen Poppenhausen sollte man sich (nach Anfrage) eine Führung beim ältesten Segelflugzeughersteller der Welt, Alexander Schleicher, nicht entgehen lassen. In den vergangenen 90 Jahren eroberten ca. 9.500 Schleicher-Segelflugzeuge weltweit die Herzen der Segelflieger und die „Hand- und Qualititätsarbeit Marke Rhön“ ist weiterhin gefragt. Ausflüge nach Fulda und die Ost-Rhön führen über ein gut ausgebautes Straßennetz und man erreicht so reizvolle Städte wie Bad Neustadt a. d. Saale, Mellrichstadt oder Ostheim, von wo aus die Superorchideen der Firma Binder ihren Siegeszug in der Offenen Klasse fortsetzen.
Übrigens: Winter gibt es an der Wasserkuppe natürlich auch mit Schneeverwehungen von vier Metern und Gesamtschneehöhen von 1,47 Meter. Und mit 173 km/h wurden von der DWD Wetterwarte auf der Wasserkuppe schon ordentliche Orkanböen gemessen.
Flugbedingungen/Streckenflugempfehlungen
Gewöhnungsbedürftig ist für Neulinge der Start hoch oben auf dem Berg. Ab und an bleibt da zwischen Flugzeug und Grund wenig Spielraum. Im Flachland kann man mit 1.600 Metern gut leben, über der Wasserkuppe fühlt sich das nicht so entspannt an. Es ist eben ein Gewöhnungsprozess. Fliegt man über den Westhang und Weltenseglerhang hinweg, hat man wieder viel Luft unter den Flügeln. Beim Finale des Grand Prix im Jahr 2011 und dem OLC-Glider-Race konnte man Teilnehmer weit unter der Wasserkuppe kurbeln sehen. Ab und an ritt der eine oder andere im Hangwind wieder nach oben. Klappt der Aufstieg nicht mehr, bleibt als Rettungsanker der Werksflughafen Huhnrain von Schleicher. Wichtig ist es, sich im Vorfeld mit den speziellen Möglichkeiten dieses kleinen, aber feinen Flugplatzes zu befassen, von dem man sich wieder auf die Wasserkuppe zurückschleppen lassen kann. Hat man Glück, gibt es vorher noch einen Plausch mit den Kremers.
Hobbyflieger werden die fliegerischen Möglichkeiten rund um die Wasserkuppe zu schätzen wissen. Doch von der Kuppe sind auch durchaus ausgedehnte Flüge über 800 km und mehr möglich. Im Dreiländereck Hessen-Bayern-Thüringen ist das Flugbeschränkungsgebiet Wildflecken ED-R 134 zu beachten. In der Regel ist dieses von Montag bis Freitag aktiv. Auskünfte zum Status erteilen Langen FIS auf 119,150 Mhz. Keine Luftraumschranken gibt es dagegen beim Abflug nach Norden oder Osten. Im Westen macht sich der Frank­furter Luftraum zuerst ab Flugfläche 65 (1981 Meter) bemerkbar. Tiefer angesiedelt sind weitere einzelne Sektoren. Fliegt man über Fulda in Richtung Alsfeld und Marburg in Richtung Rothaargebirge, hat man freie Bahn bis Flugfläche 100.
Als zuverlässiger Aufwindgarant lockt der Thüringer Wald. Nicht immer einfach ist der Einstieg in diese 60 km von der Wasserkuppe entfernte Thermiklandschaft. Die erste Thermik bildet sich meistens direkt am Platz oder südlich vom Platz (Süd-Rhön), berichtet der erfahrenen Wasserkuppen-Pilot Chris Jörges. Am besten ist es meistens morgens Richtung Süd-Rhön / Süd-Westen. Wenn EDR 134 Wildflecken nicht aktiv ist, fliegt man weiter Richtung Spessart und Odenwald. Die Thermikgüte des Spessarts werde von manchen Piloten unterschätzt, so Jörges. Richtung Süd-Osten geht es über die gut tragenden Hassberge oder die Gleichberge. Es gibt noch die Möglichkeit Richtung Osten an den Thüringer Wald zu kommen, da ist oft der beste Weg direkt Richtung Suhl. Dabei ist das Schwierige der Sprung in den Thüringer Wald, da vorher die Basis oft deutlich tiefer ist. Empfehlenswert ist also, am Dolmar oder dem Höhenzug vor Suhl die nötige Höhe zu haben, um die Wolken am Hauptkamm zu erreichen. „Gerade bei Warmluft geht der Thüringer Wald oft sehr früh los“, resümiert Jörges. Der erste Schenkel ist dann mit ca. 60 km eher kurz. Wasserkuppen-Piloten legen ihre Strecken meistens so, dass sie abends vom Thüringer Wald kommen. Denn dort geht es um diese Zeit meistens am längsten und die Basis ist oft höher, denn das Problem am Abend ist der Sprung auf den 900 Meter hohen Berg und damit den Landeplatz. „Dafür können wir morgens bei hohen F-Schlepps weite Gleitstrecken zur ersten Thermik absolvieren“, verrät Chris Jörges.